Projekt: Historische Friedhöfe

Geschichtsbücher der Stadt

Friedhöfe sind Orte der Menschlichkeit. Sie spiegeln die Wertschätzung der Würde der menschlichen Persönlichkeit auch nach dem Tod wider. Zugleich ist die Sepulkralkultur immer Ausdruck der Glaubensüberzeugung der Verstorbenen und der Lebenden.

Unsere Friedhöfe sind aber nicht nur kulturhistorische und sozial- und politikgeschichtliche Geschichtsbücher. Im städtischen Ballungsraum haben sie auch wichtige ökologische Funktionen: Baumbestand, Sträucher und Wiesen sind ein wichtiger Ausgleich für das städtische Klima und bilden ein Refugium für Vögel, Fledermäuse, Kleintiere, Wildbienen etc.

Lohtorfriedhof

In Erkenntnis dieser lokalgeschichtlichen Bedeutung hat der Verein für Orts- und Heimatkunde Recklinghausen e.V. im Jahr 2003 zunächst eine große Belegungstafel auf dem ältesten Friedhof errichten lassen.

Von 1809 bis 1927 haben auf diesem Begräbnisplatz vor dem Lohtor der katholischen Petrus-Pfarre tausende Recklinghäuser Bürgerinnen und Bürger ihre letzte Ruhe gefunden. Mit ihren Geburts- und Sterbedaten, ihren Titeln und Berufsbezeichnungen, Namenszusätzen und sonstigen Grabinschriften überliefern sie ein wichtiges Stück unserer Sozialgeschichte. Bis zur Errichtung des großen Nordfriedhofs 1907 wurden hier, vor dem Lohtor, nahezu alle Persönlichkeiten bestattet, die Recklinghausen im 19. Jahrhundert großgemacht haben. Dazu zählen nicht nur die auf den Grabmälern als solche ausgewiesenen Ehrenbürger, Geistliche, Bürgermeister und Gymnasiallehrer; dazu gehören vor allem auch Spitzen aus Wirtschaft und Verwaltung, Fabrikanten, Unternehmer, Geschäftsleute, die die ärmliche Ackerbürgerstadt innerhalb weniger Jahrzehnte in einen prosperierenden Industrie- und Behördenstandort verwandelten.

Hier ruhen bedeutsame Persönlichkeiten, die zu Ehrenbürgern ernannt wurden, so Dr. Rudolf Drecker, Friedrich Hagemann, Franz Limper, Hugo Peus, August Randebrock, August Strunk und Heinrich Vogelsang; hier liegt auch der preußisch-protestantische Landrat Dr. Robert von Reitzenstein neben seiner Frau Maria begraben.

Flyer Lohtorfriedhof

Flyer: Alter Friedhof am Lohtor

Straßen und Plätze erinnern bis heute auch an weitere hier beigesetzte Bürger, wie Anton Bauer, Franz Bracht, Johannes Drissen, Franz Holthoff, Wilhelm Huckestein, Theodor Kemna, Heinrich Stenkhoff, Heinrich Vockeradt, Adolf Wicking, Anton Wiggermann oder Josef Wulff.

Heute ist der Friedhof ein historisches Lesebuch der Stadtgeschichte: Neben königlich-preußischen Beamten liegen hier mit Christoph Landschütz ein herzoglich-arenbergischer Hofbeamter, der Arzt und Journalist Dr. Franz Schneider, ein engagierter Demokrat der Revolution von 1848, der vom Kulturkampf betroffene Pfarrer und Landdechant Bernard Theissing oder die Stifterin des nach ihr benannten Altenheims, Eugenie Schipper.

Zu den jahrzehntelangen Aktionen, mit denen der Verein für Orts- und Heimatkunde diesen historischen Friedhof zu erhalten und im Bewusstsein zu verankert versucht, gehören:

  • Die Erstellung einer Belegungsdokumentation der damaligen Vorstandsmitglieder Alfred Stemmler und Diethelm Thielemann im Auftrag des Vereins 2003,
  • die Erstellung der großen Übersichtstafeln am Wegekreuz,
  • die Herstellung eines Faltblattes zur Information über Gräber und Familien,
  • regelmäßige Friedhofsführungen,
  • die Rekonstruktion der zerstörten Grabstelle des Bergwerksdirektors Drissen 2015,
  • die Beteiligung an der Wiederaufrichtung umgestürzter Grabdenkmale, zuletzt 2017,
  • die Verlegung von Gedenkplatte für engagierte Recklinghäuser, deren Grabstellen

schon früher abgeräumt wurden.

Foto Lohtor Führung

Foto: Führung auf dem Lohtorfriedhof (Foto: G. Möllers)

Im Jahr 2015/16 veröffentlichte die Recklinghäuser Zeitung eine ausführliche Artikelserie über die Geschichte des Friedhofs und der dort beigesetzten Familien. Die mit großem Engagement und mit Unterstützung von Alfred Stemmler durchgeführten Recherchen und die gute journalistische Darstellung der Redakteurin Silva Seimetz fanden so großes Interesse, dass die RZ die Serie in einer Publikation zusammenfasste.

Lohtorfriedhof Ehrenbürger
Lohtorfriedhof Pädagogen

Nordfriedhof

Der große Nordfriedhof, zwischen Franz-Bracht-Straße und Nordcharweg, ist mit 16 Hektar der größte kommunale Friedhof in Recklinghausen. Er ersetzte 1907 als katholischer Friedhof das Lohtorareal und wurde 1923 von der Stadt übernommen. Am Hochkreuz sind die Pfarrer

begraben und die gemeinschaftlichen Grabfelder der Clemensschwestern des Prosper-Hospitals finden sich hier. Auch der Nordfriedhof spiegelt die Stadtgeschichte wider: Mit seinen über 500 in Recklinghausen während der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Recklinghausen gestorbenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, mit den Anlagen der Kriegsopfer des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, der Bergmannskulptur zur Erinnerung an die verunglückten Bergleute von General Blumenthal, mit hier begrabenen Persönlichkeiten wie Stadthistoriker Heinrich Pennings, dem ersten Intendanten der Ruhrfestspiele Otto Burrmeister und Helene Weber, einer der Mütter des Grundgesetzes u. v. a. Der Verein führt in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule regelmäßig thematische Friedhofsbegehungen durch, die nächste am Donnerstag 17. Mai 2018, 16.00 Uhr.

Die ausführliche Beschreibung des Nordfriedhofs erhalten Sie, wenn Sie auf den nachfolgenden Button klicken.

Infotafel Nordfriedhof

Jüdischer Friedhof (Recklinghausen)

Der jüdische Friedhof am Nordcharweg wurde 1904 eröffnet, nachdem die 1823 am Börster Weg eingerichtete älteste Begräbnisstätte wegen des Wachstums der Gemeinde zu klein geworden war. Die ältesten Gräber wurden 1936 zum Nordcharweg umgebettet. Auch nach der Verwüstung der Anlage 1938 im Novemberpogrom fanden dort Beisetzungen statt. 1945 wurde er durch die Holocaust-Überlebenden wieder hergerichtet.

In der Tradition ein “Haus der Ewigkeit”, ist er zugleich ein Ort der Erinnerung an den Patriotismus der jüdischen Bürgerschaft, an ihre Verfolgung 1933-45 und den Mut zur Neugründung einer Gemeinde nach der Zerschlagung der NS-Diktatur:

Eine 2,5 m hohe Gedenkanlage mit Davidstern und Eisernem Kreuz erinnert an 13 “fürs Vaterland gefallene Gemeindemitglieder”. Es war 1921 das erste in Recklinghausen errichtete Gedächtnismonument für Gefallene. Mehrere Gruften alteingesessener Familien wurden von Überlebenden des Rigaer Ghettos errichtet und erinnern zugleich an ihre ermordeten Familienmitglieder, so beispielsweise die Gräber der Familien Abrahamsohn, Aron/Saalberg oder de Vries/Markus. Auf Initiative des ersten Gemeindevorstehers Ludwig de Vries nach dem Krieg wurde 1948 ein Mahnmal errichtet: “Unseren ermordeten Brüdern und Schwestern zum ewigen Angedenken 1933 – 1945” heißt es auf der Vorderseite. Die Rückseite enthält die Namen von 215 Opfern der Vorkriegsgemeinde Recklinghausen.

Delegierte des Riga-Komitees bei einer Führung vor dem Mahnmal der Holocaust-Opfer, 2019
(Foto: Th. Beckmann)

Südfriedhof

Der Südfriedhof besteht als kommunaler Friedhof seit dem 23. Juni 1909. Er entstand aus der Zusammenlegung der damaligen konfessionellen Friedhöfe der evangelischen Kirchengemeinde Bruch und der katholischen Kirchengemeinde Sankt Marien. Von 1956 bis 1960 entstanden die Friedhofshalle und das Wohnhaus mit zwei Dienstwohnungen und dem Friedhofsbüro. Die Erweiterung des neuen Teils in östlicher Richtung über den Vorfluter hinaus begann im Winter 1959. Heute ist der Südfriedhof mit 14,46 ha der zweitgrößte Friedhof Recklinghausens. Auf der Anlage befinden sich Kriegsgräber des 1. Weltkrieges, Gräber mit Bombentoten des 2. Weltkrieg (Denkmal) und Kriegsgräber des 2. Weltkrieges. Ein Obelisk erinnert an die während des Ruhrkampfes (Kapp-Putsch) 1920 gefallenen Spartakisten. Das baufällige Mahnmal wurde 2017 restauriert. Der Friedhof ist letzte Ruhestätte bekannter Persönlichkeiten: Heinrich Auge, Oberbürgermeister von Recklinghausen von 1952 bis 1972, Schwester Maria Bertrandis, Bernhard Theodor Eichholz, Wilhelm Theodor Schürk, Helmut Siering.

Die ausführliche Beschreibung des Südfriedhofs erhalten Sie, wenn Sie auf den nachfolgenden Button klicken.

Infotafel Südfriedhof
Führung Südfriedhof
Mahnmal Südfriedhof

Foto: Eröffnung nach der Restaurierung des Mahnmals, Südfriedhof (Foto: privat)

Waldfriedhof Hochlarmark

Der Waldfriedhof liegt im Stadtteil Hochlarmark und wurde 1925 von den Kirchen in den städtischen Besitz übernommen. Am Hochkreuz liegen die Gräber von August Stewering, 1916-1946 erster Pfarrer des neu entstandenen Bergarbeiterstadtteils, und der Heiligenstädter Schwestern, die engagiert die Sozialarbeit z.B. in Kindergärten und der Familienpflege aufbauten.

Das Mahnmal, ursprünglich in den 20er Jahren an der Westfalenstraße zum namentlichen Gedenken an die Gefallenen errichtet, ist heute im Eingangsbereich ein Menetekel der Schrecken des 20. Jahrhunderts. Heute begegnen uns hier und auf mehreren Grabfeldern Erinnerungen an Opfer des NS-Terrorregimes 1933-45:

Dem rücksichtslosen Druck der „Kriegswirtschaft“ fielen neun Bergleute bei einer Schlagwetterexplosion am 13. April 1942 zum Opfer. Das nicht weit entfernte Grabfeld der „Zivilopfer“ mahnt an den schrecklichen „Tod durch Verschüttung“ meist von Frauen und Kleinkindern und das Schicksal der Ermordung junger Menschen noch einen Monat nach dem offiziellen Kriegsende.

Die Ehrengräber der überwiegend russischen 211 Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen sowie ihrer Kinder bergen die Toten des unmenschlichen Einsatzes vor allem auf der Zeche Recklinghausen II und in anderen kriegswichtigen Betrieben. Selbst Säuglinge, die im Zwangsentbindungslager Waltrop zur Welt kommen mussten, entgingen der Unmenschlichkeit des Terrors nicht.

Evangelischer Friedhof Halterner Straße

Der 1903 eingeweihte Evangelische Friedhof an der Halterner Straße, der den bis dahin einzigen evangelischen Friedhof an der Hohenzollernstraße ablöste, steht heute unter Denkmalschutz. Die parkähnliche Anlage und grüne Lunge mitten im Nordviertel ist ein Spiegel der Stadtgeschichte. Hier finden sich die letzten Ruhestätten früherer evangelischer Pfarrer (wie Wilhelm Geck) ebenso wie die von Soldaten, Kriegsopfern und russischer Kriegsgefangener. Auch Kämpfer der „Roten Ruhrarmee“, die 1920 während des Kapp-Putsches umkamen, haben hier ein so genanntes „Spartakistengrab“ bekommen. Wenige Meter weiter liegen Persönlichkeiten wie die Angehörigen der Großindustriellenfamilie Still, der Familie Kufus und des Bierbrauers Schäper.

Erinnerungstafel Friedhof an der Halterner Str.
DENK-MAL Tafel “Opfer des Bombenangriffes am 23. März 1945”